Bericht der Unabhängigen Kommission zur Verifizierbarkeit des Teststopp-Vertrages
 
Der Vertrag über das Umfassende Verbot von Nuklearversuchen (Comprehensive Nuclear Test Ban Treaty, CTBT) verbietet alle Versuchsexplosionen von Kernwaffen in der Atmosphäre, unter Wasser und unter der Erde. Das Abkommen sieht die Errichtung eines globalen Überwachungssystems vor, das in der Lage ist, den Verifikationsanforderungen des Vertrages bei Inkrafttreten zu genügen. Während der Vertrag noch nicht in Kraft getreten ist, nachdem er 1996 zur Unterschrift ausgelegt wurde, macht der Aufbau des Verifikationssystems Fortschritte
Dieser Bericht beurteilt die Verifizierbarkeit des CTBT, das heißt in diesem Zusammenhang, den Grad mit dem die Einhaltung der Vertrages überprüft werden kann. Dabei werden nicht nur gegenwärtige und künftige Fähigkeiten des CTBT-Verifikationssytems miteinbezogen, sondern auch zusätzliche Überwachungsmöglichkeiten, auf die Mitgliedsstaaten und andere zurückgreifen können, um sich zu vergewissern, daß die Bestimmungen des CTBT befolgt werden.
 
1. Das Verifikationsregime des Vertrages
Das Verifikationsregime des Vertrages verbindet ein globales Netzwerk von Überwachungsstationen mit modernen Kommunikations- und Datenverarbeitungstechnologien. Es umfaßt außerdem Regelungen zur Konsultation und Klarstellung, die Möglichkeit von Inspektionen vor Ort sowie vertrauensbildende Maßnahmen. Das Regime wird von der Organisation des Vertrages für das Umfassende Verbot von Nuklearversuchen (CTBT Organisation) in Wien umgesetzt. Die Organisation setzt sich zusammen aus einer Konferenz der Vertragsstaaten, einem Exekutivrat und einem Technischen Sekretariat, das vom Generaldirektor geleitet wird. Eine Vorbereitungskommission und das Provisorische Technische Sekretariat (PTS) sind gegenwärtig mit der Errichtung des Verifikationsregimes betraut.
Wie alle Verifikationsregime, spiegelt der Aufbau des CTBT-Überwachungssystems politische Akzeptanzerwägungen, technische Möglichkeiten und Kostenerwägungen wider. Wie andere Regime, kann auch dieses Regime keine hundertprozentige Sicherheit bieten, daß alle Vertragsverletzungen aufgedeckt werden. Das System zielt eher darauf ab, Vertragsverletzungen mit hoher Wahrscheinlichkeit festzustellen, und potentielle Vertragsverletzer dadurch abzuschrecken.
 
Das Internationale Überwachungssystem
Zur Zeit befindet sich ein Internationales Überwachungssystem (International Monitoring System, IMS) im Aufbau, das aus 321 zertifizierten Stationen in 90 Ländern besteht. Das System setzt sich aus Überwachungsstationen zusammen, die vier Technologien verwenden: Anlagen zur seismischen, Radionuklid-, hydroakustischen sowie Infraschall-Überwachung. Ein Primärnetzwerk von 201 Überwachungsstationen wird rund um die Uhr Daten übermitteln. Die anderen 120 Stationen des seismischen Hilfsnetzes können bei Bedarf zusätzlich Daten zur Verfügung stellen. Einige der 321 Überwachungsstationen bestehen bereits und können unverändert in das Überwachungssystem einbezogen werden, während in anderen Fällen Stationen aus- oder vollständig neu aufgebaut werden müssen. Alle Stationen müssen vom PTS beglaubigt und zertifiziert werden.
Beteiligte Nationale Einrichtungen, die eine der IMS-Technologien verwenden und von einem Vertragsstaat auf dessen Kosten errichtet werden, können das IMS ergänzen, sofern sie genauso zertifiziert wurden wie IMS-Stationen.
Das PTS hat bekanntgegeben, daß im Oktober 2000 zweiundsechzig Prozent der Standorte der Stationen des Primärnetzes geprüft waren, 16% dieser Stationen bereits fertiggestellt waren und Daten an das Internationale Datenzentrum übermittelten sowie drei Stationen des primären seismischen Netzes zertifiziert waren. Von den 120 Stationen des Hilfsnetzes genügten 60% im wesentlichen den Anforderungen des PTS, die restlichen 40% müssen umfassend modernisiert werden. Nachdem das PTS in den letzten Jahren Erfahrungen im Aufbau von Überwachungsstationen gesammelt hat, wird die Zahl der Stationen, die zertifiziert und in Betrieb sind, in den nächsten Jahren erheblich zunehmen, allerdings nur unter der Voraussetzung unverminderter finanzieller Unterstützung.
Die Daten werden über eine spezielle Infrastruktur für die weltweite Kommunikation an das Internationale Datenzentrum (International Data Centre, IDC) bei der CTBTO übermittelt. Diese Daten werden dort gesammelt, gespeichert, analysiert und an die Vertragsparteien übermittelt. Das PTS hat bereits demonstriert, daß das IDC Daten empfangen, verarbeiten und zügig an Vertragsparteien weiterleiten kann. Die weltweite Erreichbarkeit des Systems durch Satelliten wurde bereits 1999 hergestellt, als vier Kommunikationszentren fertiggestellt wurden, die über Festleitungen mit dem IDC in Wien verbunden sind. Die Hauptquartier des IDC wurde ebenfalls 1999 fertiggestellt und wird nach und nach in Betrieb genommen. Ungefähr 100 Überwachungsstationen übermitteln derzeit Daten an das IDC. Im Februar 2000 hat das IDC begonnen, Ergebnisberichte auf Versuchsbasis zu verteilen. Gegenwärtig empfangen 44 Unterzeichnerstaaten IMS-Daten und IDC-Produkte.
Es wird davon ausgegangen, daß das System mit sehr hoher Gewißheit - und daher auch mit der entsprechend großen Abschreckungswirkung - eine Nuklearexplosion mit mindestens einer Kilotonne Sprengkraft feststellen kann, sofern diese Explosion nicht in einer Weise ausgeführt wird, die speziell darauf ausgelegt ist, sich der Entdeckung durch das internationale Überwachungssystem zu entziehen. Wegen der Möglichkeit der Detektion von Explosionen die signifikant unterhalb dieser Sprengkraft liegen, gibt es auch einen erheblichen Abschreckungseffekt gegen die geheime Durchführung von Atomtests mit einer geringeren Sprengkraft als einer Kilotonne. Es wird erwartet, daß das IMS solche Ereignisse innerhalb eines Gebietes von 1.000 km2 lokalisieren kann, dem maximal zulässigen Gebiet, innerhalb dessen eine Inspektion vor Ort zulässig ist.
 
Das seismische Netzwerk
Das weltweite seismische Netzwerk, das darauf ausgelegt ist, Signale von unterirdisch durchgeführten Atomtests aufzunehmen, ist ein zentraler Bestandteil des IMS. Die Fähigkeiten des teilweise fertiggestellten Systems variieren weltweit, regional und lokal. In einigen Regionen sind diese bereits relativ gut. In der nördlichen Hemisphäre sind beispielsweise Explosionen mit einer Sprengkraft von 100 Tonnen und darunter prompt festgestellt und lokalisiert worden. Einzelne Array-Stationen in Zentraleurasien sind schon jetzt in der Lage, Explosionen mit einer Sprengkraft in der Größenordnung von 10-25 Tonnen mit einer Signalstärke festzustellen und ungefähr zu orten, die ausreichend ist, um entweder die Ursache des Ereignisses zu identifizieren oder Anlaß zu Bedenken hinsichtlich der Quelle zu geben. Die Signale von drei Kalibrierungs-Explosionen mit einer Sprengkraft von je 100 Tonnen in Kasachstan sowie einer kleinen fünf Tonnen Explosionen im Toten Meer wurden aufgenommen und lokalisiert. Obwohl nicht davon ausgegangen werden kann, daß die Empfindlichkeitsgrenze des kompletten Systems weltweit ähnlich niedrig sein wird, demonstrieren diese Beispiele die Leistungsfähigkeit eines nur teilweise fertiggestellten Überwachungssystems.
Um eine Ereignis mit einer größeren Genauigkeit als 1.000 km2 lokalisieren zu können, ist es essentiell, die Ursprungsregion zu kalibrieren und Abweichungen in der Geschwindigkeit von seismischen Wellen zu kartieren. Unter der Schirmherrschaft der CTBTO-Vorbereitungskommission wird gegenwärtig in diesem Bereich international zusammengearbeitet. Durch Simulationen und die Beobachtung von Ereignissen, deren Orte bekannt waren, wurde bereits demonstriert, daß es möglich ist, auf dem Festland und in vielen Regionen der Weltmeere Ereignisse mit einer größeren Genauigkeit als 1.000 km2 zu lokalisieren, wenn eine Kalibrierung dieser Region stattgefunden hat.
 
Das hydroakustische Netzwerk
Explosionen in den Ozeanen oder auf kleinen Inseln können durch im Meer an Bojen verankerte Hydrophone oder durch in der Nähe von steil abfallenden Küsten stationierte Hochfrequenz-Seismometer (T-Phasen Stationen) prompt festgestellt werden. Der Aufbau eines Netzwerks von sechs Hydrophon-Stationen und fünf T-Phasen Stationen, welche die Weltmeere überwachen werden, hat begonnen. Gegenwärtig übermitteln drei Stationen Daten an das IDC und überwachen so den Nordpazifik, den größten Teil des Indischen Ozeans und Teile des Nordatlantiks. Die Ortung von Unterwasser-Explosionen ist gegenwärtig nur unter Zuhilfenahme von Daten aus dem seismischen Netzwerk möglich. Wenn alle elf Stationen Daten übertragen, werden nukleare Explosionen in allen Meeren der Welt festgestellt werden können. Diese Stationen werden die Unterscheidung zwischen kleinen Seebeben und Explosionen erleichtern, und, in Verbindung mit Daten aus dem seismischen Netzwerk, eine genaue Ortung jeder im offenen Meer durchgeführten Nuklearexplosion ermöglichen.
 
Das Infraschall-Netzwerk
Das Infraschall-Überwachungsnetzwerk von 60 landgestützten Stationen dient dem Ziel, die von atmosphärischen Nukleartests verursachten Schallwellen festzustellen und diese Tests so zu lokalisieren. Dieses Netzwerk ist noch unvollständig. Neun Stationen, 15% des künftigen Netzwerks, werden voraussichtlich Ende 2000 einsatzbereit sein, Ende 2001 wird die Einsatzbereitschaft von 29 Stationen erwartet. Die Empfindlichkeit und der große dynamische Bereich der Sensoren ermöglichen die Feststellung von Explosionen in einer Entfernung von einigen Tausend Kilometern. Mit Hilfe dieser Technologie wurden in Kanada der Start des Space Shuttles in Florida, sowie Flüge der Concorde in Deutschland wahrgenommen.
Die Standorte der Stationen wurden so ausgewählt, daß eine möglichst gleichförmige Überwachung gewährleistet ist. Die Fähigkeiten des Netzwerks in Bezug auf Nachweis und Ortung wurden auf der Grundlage von Modellen berechnet, die die Daten von früheren Nukleartests und atmosphärischen Modellen nutzen. Die Empfindlichkeitsgrenze des kompletten Netzwerks, definiert als das Signal einer Explosion mit der kleinsten Sprengkraft, welches das Netzwerk aufnehmen kann, liegt global bei einer Kilotonne und in einigen Gebieten darunter. Die Ortungsgenauigkeit wird auf einen Radius von 100 km oder weniger geschätzt. Die Nutzung zusätzlicher Sensoren in einem Array wird die Ortungsgenauigkeit von isolierten Stationen und die Empfindlichkeit von Stationen in windigen Gebieten, wo der Pegel der Hintergrundgeräusche hoch ist, verbessern.
 
Das Radionuklid-Netzwerk und -Laboratorien
Achtzig Radionuklidstationen werden rund um die Uhr radioaktive Aerosole und Edelgase in der Atmosphäre messen, die von atmosphärischen Atomtests stammen oder von unterirdischen Tests, die ausgasen. Laboratorien werden Proben von diesen Stationen analysieren. Sechs Radionuklidstationen sind bereits fertiggestellt und übermitteln Daten an das IDC. Vier kürzlich entwickelte Systeme zur Überwachung von Edelgasen werden gegenwärtig parallel getestet. Die 16 Radionuklidlaboratorien des Systems existieren bereits, müssen allerdings noch zertifiziert werden. Es wird erwartet, daß das komplette Netzwerk weltweit mit einer hohen Wahrscheinlichkeit eine Nuklearexplosion mit einer Sprengkraft von einer Kilotonne innerhalb von 14 Tagen identifizieren kann. Die Kombination von Aerosol- und Edelgasdetektion ermöglicht es, Explosionen mit hoher Gewißheit als Nukleartests zu identifizieren. Die Empfindlichkeitsschwelle für Aerosol-Meßsysteme wird sich in den nächsten Jahren nicht erheblich über die spezifizierten Anforderungen hinaus verbessern. Allerdings könnte sich die Empfindlichkeitsschwelle für Edelgassysteme durch die Verwendung verbesserter Koinzidenz- und Gasreinigungstechniken verzehnfachen. Das System wird ein Ereignis innerhalb eines Radius von 750 km lokalisieren indem es den Ursprung der radioaktiven Wolke bestimmt. Diese Ortungsgenauigkeit wird sich durch Forschungen zur Modellierung des atmosphärischen Transports in Zusammenarbeit mit der Welt Meteorologen Organisation verbessern.
 
Synergien zwischen IMS-Technologien
Um die Verifizierbarkeit zu verbessern und ein kostengünstiges IMS zu gewährleisten, haben die Unterhändler während der Vertragsverhandlungen das Potential für Synergien zwischen den vier Überwachungstechnologien umfassend berücksichtigt. Die drei Wellenform-Technologien – Seismik, Hydroakustik und Infraschall – stehen in einem synergistischen Verhältnis zueinander, und verbessern so Detektion und Lokalisierung von Nuklearexplosionen. Diese Technologien stehen zudem in einem synergistischen Zusammenhang mit dem Radionuklidnetzwerk. Der Nachweis von Radionukliden kann zentral sein kann, um zu belegen, daß eine identifizierte Explosion nuklearen Ursprungs war.
 
Konsultation und Klarstellung
Vertragsparteien sind gemäß dem CTBT angehalten, Probleme hinsichtlich einer möglichen Vertragsverletzung entweder untereinander, mit Hilfe des Technischen Sekretariats oder im Exekutivrat zu lösen, insbesondere bevor sie um eine Inspektion vor Ort ersuchen. Vertragsstaaten sind verpflichtet auf ein Ersuchen um Klarstellung, das entweder von einer anderen Vertragspartei oder vom Generaldirektor gestellt werden kann, innerhalb einer bestimmten Frist zu antworten. Der Generaldirektor ist verpflichtet, auf Anfrage alle relevanten Informationen zur Verfügung zu stellen, die sich im Besitz des Technischen Sekretariats befinden, um so zur Klärung eines Verdachts auf Vertragsverletzung beizutragen.
 
Inspektionen vor Ort
Wenn ein Mitgliedsstaat des CTBT, auf der Basis von Informationen die aus dem IMS stammen oder auf der Grundlage seiner eigenen nationalen technischen Verifikationsmittel vermutet, daß eine Nuklearexplosion und damit eine Vertragsverletzung stattgefunden hat, kann dieser Staat eine Inspektion vor Ort beantragen. Bevor eine solche Inspektion durchgeführt werden kann, müssen einem solchen Ersuchen mindestens 30 der insgesamt 51 Mitglieder des Exekutivrats zustimmen. Der Vertragsstaat an den ein solches Ersuchen gerichtet wird, muß die Inspektion vor Ort akzeptieren.
Gut vorbereitete Verfahren zur Durchführung einer Inspektion vor Ort sollten ein Mittel der Abschreckung darstellen, und einen potentiellen Vertragsverletzer wegen der hohen Wahrscheinlichkeit der Aufdeckung entmutigen. Drei Elemente für die Durchführung von Inspektionen vor Ort sind gegenwärtig in Vorbereitung: das Handbuch für die Durchführung von Inspektionen, die Ausrüstung und Ausbildung. Der Zweck einer Inspektion vor Ort ist es, zu klären, ob eine Nuklearexplosion in Verletzung der Vertragsbestimmungen durchgeführt worden ist. Ein Inspektionsteam von bis zu 40 Inspektoren darf ein Gebiet von bis zu 1.000 km2 inspizieren. Der Vertrag definiert eine Reihe gleichgewichtiger Rechte und Pflichten für Inspektionsteam und inspizierten Staat. Verschiedene Verfahren dürfen in den aufeinanderfolgenden Abschnitten einer Inspektion verwendet werden, dazu gehören Ortsbestimmung, Messungen der Radioaktivität, passive seismische und geophysikalische Verfahren. Als letzte Maßnahme dürfen auch spezielle Bohrverfahren angewendet werden, um radioaktive Bodenproben zu gewinnen. Radioaktive Messungen während einer Inspektion vor Ort können den klaren Beleg einer Vertragsverletzung erbringen.
Es ist vorgesehen, daß Inspektionen vor Ort nur in seltenen Fällen durchgeführt werden, nachdem andere Verfahren, wie Konsultation und Klarstellung erschöpft sind. Es wird erwartet, daß eine erfolgreiche Inspektion vor Ort erheblich bessere Kenntnisse über das Ereignis erbringt, welches dem Ersuchen um eine Inspektion vor Ort zu Grunde lag. Unterschiedliche Umweltbedingungen, unter denen eine Inspektion stattfindet und möglicher Kooperationsmangel des inspizierten Staats sind die größten Herausforderungen während einer Inspektion.
 
Vertrauensbildende Maßnahmen
Der Zweck von vertrauensbildenden Maßnahmen (VBMs) ist es, durch den Austausch von Informationen und Daten Unklarheiten zu reduzieren und Vertrauen in die Vertragstreue zu erhöhen. Vertragsparteien sind nicht verpflichtet, VBMs durchzuführen, aber sie sind angehalten, Details von Aktivitäten bekanntzugeben, die möglicherweise zum Empfang von verdächtigen IMS-Signalen führen könnten. So sollten zum Beispiel große konventionelle Explosionen von mehr als 300 Tonnen, wie sie im Bergbau durchgeführt werden vorher angekündigt werden, unter Angabe von Sprengkraft, Ort und Zweck der Explosion. Unter bestimmten Umständen kann das Technische Sekretariat eingeladen werden, das Gebiet der Explosion zu besuchen.
Vertragsparteien behalten das Recht, bi- oder multilaterale VBMs außerhalb des Vertrages zu vereinbaren, um ihr Vertrauen in die Verifizierbarkeit des Vertrages zu stärken. Solche Maßnahmen können die gegenseitige Beobachtung von potentiell verdächtigen konventionellen Explosionen und von Atomtestgeländen, die gegenseitige Ankündigung von unterkritischen Experimenten sowie die direkte Beobachtung der Versuchsgelände, auf denen solche Experimente stattfinden umfassen.
 
2. Zusätzliche Mittel zur Verifikation
Neben den durch den Vertrag festgelegten Verifikationstechniken, stehen der internationalen Gemeinschaft eine Reihe zusätzlicher Mittel zur Verfügung, um die Einhaltung des CTBT zu überprüfen. Diese Mittel können zu Regierungen, Forschungseinrichtungen, kommerziellen Unternehmen oder Nichtregierungsorganisationen gehören. Einige der Daten aus solchen Quellen unterliegen der Geheimhaltung, während der Rest öffentlich zugänglich ist.
Zehntausende öffentlich zugänglicher wissenschaftlicher oder Umwelteinrichtungen können heutzutage Belege eines geheimen Atomtests aufzeichnen. Rapide Fortschritte in der Datenverarbeitung sollten es erlauben, diese Vielzahl sich kontinuierlich entwickelnder Quellen weltweiter Information zu integrieren. Zusammengenommen bilden diese Mittel ein starkes zusätzliches Abschreckungselement gegenüber jedem Staat, der erwägt einen geheimen Atomtest durchzuführen.
 
Nationale Technische Verifikationsmittel
Der CTBT sieht vor, daß jede Vertragspartei Daten, die aus nationalen technischen Verifikationsmitteln stammen - sofern diese gemäß den Grundsätzen des internationalen Rechts gewonnen wurden - eigenständig oder in Verbindung mit Daten aus dem IMS im Zuge von Konsultation und Klarstellung sowie im Rahmen eines Ersuchens um eine Inspektion vor Ort einbringen kann. Staaten verwenden ihre nationalen technischen Verifikationsmittel darüber hinaus unilateral zur Überprüfung der Einhaltung des Vertrages.
Nationale technische Verifikationsmitteln schließen IMS-Technologien sowie andere Technologien zur Informationsgewinnung ein. Die Vereinigten Staaten betreiben die fortgeschrittensten nationalen technischen Verifikationsmittel, welche satellitengestützte Sensoren (Detektoren für Infrarot-, Gamma- und Röntgenstrahlen und Kameras) sowie ein umfangreiches seismisches Netzwerk, das „Atomic Energy Detection System" (AEDS) umfassen. Einige der AEDS-Stationen sind IMS-Stationen und werden aufgerüstet, um PTS-Spezifikationen zu genügen. Auch Rußland betreibt ein „Special Monitoring System". Einige britische, französische und russische Stationen sind zusammen mit Stationen anderer Nationen in das IMS integriert worden.
Die wichtigste Einschränkung von nationalen technischen Verifikationsmitteln ist die Schwierigkeit, ihre Zuverlässigkeit und Genauigkeit unabhängig zu beurteilen, da Staaten es meist vorziehen, ihre Fähigkeiten geheim zu halten. Diese Mittel können darüber hinaus, da sie von nationalen Regierungen betrieben werden, eher nationalen Interessen, als den Interessen der internationalen Gemeinschaft dienen. Technologisch weit fortgeschrittene Staaten sollten jedoch in der Lage sein, auf der Grundlage von Informationen, die sie durch ihre nationalen technischen Verifikationsmittel gewonnen haben, einen Verdacht auf Vertragsverletzung überzeugend zu begründen. Die Fähigkeiten und die Verbreitung von nationalen technischen Verifikationsmitteln wird zunehmen und sich auf immer mehr Länder erstrecken, und so das Vertrauen in die Verifizierbarkeit des CTBT weiter stärken.
 
Satellitenbilder
Satelliten sind nicht intrusiv und können große Teile der Erdoberfläche in kurzer Zeit überwachen. Sie haben ein erhebliches Potential, Veränderungen, die von Nukleartests herrühren, auf der Erdoberfläche festzustellen, entweder direkt oder indem computergestützte mathematische Modelle zur Analyse verwendet werden. Satelliten können außerdem den von Nukleartests verursachten typischen Blitz aufzeichnen. Obwohl der CTBT gegenwärtig keine Möglichkeit zur Satellitenüberwachung vorsieht, verpflichtet der Vertrag die Mitglieder, das Verifikationspotential einer solcher Technologie (sowie anderer Technologien wie etwa des elektromagnetischen Impuls) künftig einzubeziehen.
Satellitenbilder können auf unterschiedliche Weise verwendet werden. Diese Bilder können Referenzpunkte für Kalibrierungsexperimente festlegen, oder Bergbauaktivitäten und Erdbeben orten. Bilder können auch dazu verwendet werden, mögliche Versuchsgelände nach der Durchführung eines Nukleartests, oder, in einigen Fällen, Aktivitäten während der Vorbereitung eines Tests zu orten.
Kommerzielle Fernerkundungssatelliten, die mit hochauflösenden Sensoren ausgestattet sind, werden von immer mehr Staaten ins All geschossen und betrieben – einschließlich von Kanada, Frankreich, Indien, Rußland und den Vereinigten Staaten. Zivile Radarsatelliten können mittlerweile Tag und Nacht sowie bei jedem Wetter operieren. Seit die USA den ersten zivilen Satelliten 1972 ins All geschossen haben, hat sich die Qualität von zivilen Satellitenbildern verhundertfacht. Informationen von diesen Satelliten sind heute frei verkäuflich und die Preise sinken. Jeder Staat und jeder nicht-staatliche Akteur hat heute Zugang zu solchen Informationen, und kann damit zur Überwachung des CTBT beitragen.
 
Wissenschaftliche Netzwerke
Während das IMS aus 170 Stationen besteht, wird es am Ende dieses Jahrzehnts weltweit Tausende digitale seismische Stationen geben, die Daten in Echtzeit oder fast-Echtzeit sammeln. In vielen Gegenden übersteigt die Leistungsfähigkeit von seismischen Stationen, die zu wissenschaftlichen Zwecken installiert wurden, etwa um Erdbeben zu beobachten, schon jetzt bei weitem diejenige des IMS. In Zentralasien etwa, ist die Empfindlichkeitsgrenze von regionalen seismischen Netzwerken im Durchschnitt zwanzigmal besser als sie für das IMS in weiten Bereichen erwartet wird, zum Beispiel in den Versuchsgeländen in Lop Nor und Semipalatinsk [in China und Kasachstan, OM]. Neuere Beispiele, die den Wert solcher frei zugänglicher Informationen für die Überwachung des Atomteststopps belegen, umfassen: die Identifizierung der Quelle eines seismischen Ereignisses der Magnitude 3,5 am 16. August 1997 nahe des Testgeländes auf Nowaja Semlja [in Rußland, OM], und die Detektion der nuklearen Tests, die Indien und Pakistan im Mai 1998 durchgeführt haben.
 
Synergien zwischen Verifikationsmitteln weltweit
Wenn die Verifizierbarkeit des CTBT beurteilt wird, muß die Gesamtheit der Überwachungsmittel, die der internationalen Gemeinschaft heute zur Verfügung stehen - inklusive des IMS, der nationalen technischen Verifikationsmittel, der wissenschaftlichen Einrichtungen und Netzwerke - einbezogen werden. Es wird Synergien zwischen IMS-Daten und Daten, die von außerhalb des IMS stammen, geben und diese Synergien werden das Vertrauen in die Verifizierbarkeit des Vertrages vergrößern.
 
3. Unterlaufen des Überwachungssystems
Die drei glaubwürdigsten Szenarien, die vorschlagen wurden, um die Detektion durch das CTBT-Überwachungssystem zu umgehen, sind die „Entkopplung" („decoupling"), das Verstecken einer Nuklearexplosion in einem anderen Ereignis und die Vermeidung der Zuschreibung. Für die beiden letzteren gibt es keine überzeugenden Beispiele, daher stand die Möglichkeit der „Entkopplung" von Nukleartests im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Theoretisch funktioniert die „Entkopplung", indem ein Nukleartest in einem großen unterirdischen Hohlraum durchgeführt wird, um so die seismischen Wellen zu dämpfen. Für so einen Versuch müßte ein genügend großer Hohlraum in ausreichender Tiefe gefunden oder geschaffen werden. Die „Entkopplung" eines Nukleartests würde die Bereitstellung großer finanzieller und technischer Mittel erfordern, wäre sehr arbeitsintensiv sein und außerdem müßte unter absoluter Geheimhaltung erfolgen.
Einem Staat, der die Durchführung eines „entkoppelten" Nukleartests erwägt, würde sich eine einzigartige Verifikationsherausforderung stellen. Ein potentieller Vertragsverletzer müßte nicht nur sicherstellen, daß alle seismischen Signale hinreichend gedämpft werden, um die Entdeckung durch das IMS und andere Netzwerke zu vermeiden, sondern dieser Staat müßte auch garantieren, daß die Explosion vollständig in dem Hohlraum eingeschlossen bleibt, um das Entweichen von radioaktiven Aerosolen und Edelgasen zu verhindern. Darüber hinaus muß ein potentieller Vertragsverletzer sicherstellen, daß sich keine Hinweise auf den Test an der Erdoberfläche zeigen. Nur einige wenige „Entkopplungsexperimente" mit einer kleinen Sprengkraft sind jemals durchgeführt worden, und zwar von den USA und der Sowjetunion. Es ist unwahrscheinlich, daß ein junger Atomwaffenstaat ausreichende Kenntnisse oder Mittel hat, um erfolgreich eine vollständig „entkoppelte" Atomexplosion durchzuführen. Sogar die technisch am weitesten fortgeschrittenen Atomwaffenstaaten hätten Schwierigkeiten, eine vollständig eingeschlossene Atomexplosion im Geheimen durchzuführen, selbst wenn diese nur von geringer Sprengkraft wäre.
 
4. Ergebnisse und Empfehlungen
Die Kommission kommt zu dem Ergebnis, daß
  • die zur Verifikation des CTBT zur Verfügung stehenden Mittel das Internationale Überwachungssystem, nationale technische Verifikationsmittel und andere wissenschaftliche Einrichtungen und Netzwerke umfassen;
  • diese Mittel, wenn sie vollständig implementiert sind, den Erwartungen der internationalen Gemeinschaft gerecht werden, daß relevante Ereignisse mit großer Gewißheit festgestellt, lokalisiert und identifiziert werden;
  • diese Mittel sich im Laufe der Zeit verbessern werden, wenn mehr Überwachungsstationen installiert werden, mehr Forschung unternommen wird und globale Kommunikationssysteme weiter expandieren; und
  • diese weltweiten Fähigkeiten eine komplexe und sich dauernd entwickelnde Herausforderung darstellen, der sich jeder potentielle Vertragsverletzer stellen müßte. Zusammengenommen stellen sie ein mächtiges Instrument der Abschreckung dar.

Die Kommission empfiehlt, daß

  • Staaten die notwendigen politische, finanzielle und technische Unterstützung bereitstellen, damit das CTBT-Verifikationssystem so schnell wie möglich aufgebaut werden kann;
  • die internationale Gemeinschaft den offenen Austausch von Daten zwischen dem Internationalen Überwachungssystem und der globalen wissenschaftlichen Gemeinschaft unterstützt; und
  • Staaten Forschung unterstützen sollten, um die wissenschaftlichen und technischen Grundlagen der globalen Verifikationsmittel zu verbessern: in dem Maße wie sich diese weiterentwickeln, wird sich die Verifizierbarkeit verbessern.
 
London, den 27. Oktober 2000